Europa als eigenständige Macht: Mario Draghi mit dem Internationalen Karlspreis geehrt
AACHEN – In einem feierlichen Festakt im Krönungssaal des Aachener Rathauses wurde am heutigen Donnerstag der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, mit dem Internationalen Karlspreis 2026 ausgezeichnet. Die Verleihung stand im Zeichen dringender Mahnungen zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit und einem leidenschaftlichen Plädoyer für ein souveränes Europa.
Ein Leben im Dienste der europäischen Sache
Das Karlspreisdirektorium würdigte den 1947 in Rom geborenen Ökonomen für sein Lebenswerk und seine „unerschütterliche Entschlossenheit“. Draghi, der bereits in den 1990er Jahren maßgeblich an den Maastricht-Kriterien beteiligt war, erlangte 2012 Weltruhm, als er mit den Worten „Whatever it takes“ den Euro während der Staatsschuldenkrise stabilisierte. In der Begründung zur Preisverleihung wurde er als Gestalter, Retter und Mahner beschrieben, der stets aktuelle Impulse für die Union setzt.
Draghis Mahnung: „Wachstum als Bedingung für alles“
In seiner Dankesrede hielt sich Draghi nicht lange mit Förmlichkeiten auf, sondern analysierte direkt den „Ernst der europäischen Lage“. Angesichts ständiger externer Schocks seit 2020 betonte er, dass dies nicht nur ein Moment der Gefahr, sondern auch der „Offenbarung“ sei.
Bezugnehmend auf seinen vielbeachteten Report zur Wettbewerbsfähigkeit aus dem Jahr 2024 forderte Draghi, dass die EU dringend innovativer werden müsse, um nicht den Anschluss an die USA und China zu verlieren. Seine Kernbotschaft war unmissverständlich: Europa müsse seine wirtschaftliche Stärke erneuern, um seine Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können. „Wachstum ist zu einer Bedingung für alles in Europa geworden“, so der Preisträger.
Bundeskanzler Merz fordert Kurskorrektur in der EU-Finanzplanung
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) würdigte Draghi in seiner Laudatio als mutigen Krisenmanager, dem Europa zu tiefstem Dank verpflichtet sei. Merz schloss sich Draghis Analyse an, dass das bloße wirtschaftliche Gewicht des Binnenmarktes allein keine geopolitische Macht garantiere. „Europa hat sich aufgemacht, eine Macht zu werden“, erklärte der Kanzler und forderte, dass die EU selbstbewusst ihre eigenen Interessen definieren müsse.
Besonders deutlich wurde Merz bei der Kritik an der aktuellen EU-Finanzplanung. Er bemängelte, dass der Haushalt in Struktur und Inhalt seit Jahren verkrustet sei:
- Planwirtschaftliche Strukturen: Merz kritisierte, dass Mittel sieben Jahre im Voraus festgelegt werden.
- Fehlfokus: Über zwei Drittel der Gelder fließen laut Kanzler nach wie vor in Umverteilung und Subventionen statt in Innovation.
- Handlungsbedarf: Er forderte die EU-Kommission auf, den Draghi-Report konsequent umzusetzen und im nächsten mehrjährigen Finanzrahmen die „richtigen Weichen“ zu stellen.

Mit der heutigen Verleihung wird deutlich, dass der Karlspreis 2026 nicht nur eine Rückschau auf Draghis Verdienste ist, sondern ein dringender Aufruf an die Staats- und Regierungschefs, Europa wirtschaftlich und sicherheitspolitisch für die „Stürme dieser neuen Zeit“ zu rüsten.


